Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und wir alle können mithelfen, dass dieser Weg hin zur sozialen Gleichstellung ein wenig leichter wird. „Gesicht zeigen“ kann dabei helfen – ein Interview mit Matthias Gippert.

Ist das Thema LGBT+ bereits ein visibler Punkt in unserer Gesellschaft? Brauchen wir Role Models in diesem Bereich? Was macht es aus, sich am Arbeitsplatz zu outen? Matthias Gippert, Senior Associate bei Herbert Smith Freehills und Teilnehmer der Aktion “Gesicht zeigen” sagt, “es ist wichtig, dass Mitglieder der LGBT+ Gemeinschaft in allen Branchen sichtbar sind.”

Sadik, Projektmanager von ALICE: Hallo Matthias, Du bist ein erfolgreicher Anwalt und Senior Associate bei Herbert Smith Freehills LLP und nimmst an der „Gesicht zeigen“ Aktion teil. Warum hast Du dich entschieden, an dieser Aktion teilzunehmen?

Matthias Gippert: Hallo Sadik, vielen Dank!

Diese Frage habe ich mir auch gestellt, als ich überlegt hatte, an der Aktion teilzunehmen. Ich habe allerdings nur kurz überlegen müssen.

Zwar bin ich schon viele Jahre geoutet, sowohl privat als auch im Beruf, dennoch war ich bis vor Kurzem nicht sehr aktiv beim Bestreben um rechtliche und soziale Gleichstellung. Dies kam erst vor ein paar Jahren durch meine Mitgliedschaft beim VK. Der ausschlaggebende Grund, dass ich an der Aktion „Gesicht zeigen“ teilnehmen wollte, ist, dass ich mir wünsche, dass mehr Menschen, die sich als LGBT+ identifizieren, in allen Bereichen der Gesellschaft visibler werden.

Ich bin in einem sehr katholischen Dorf in Osthessen aufgewachsen, in einer Zeit vor Internet in jedem Haushalt. Während meiner Schulzeit gab es keine Schwulen in meinem direkten Umfeld, Homosexualität war kein Thema in der Familie, und das Wort „schwul“ wurde von allen meinen Freunden als Schimpfwort genutzt – aus Angst, Unsicherheit und sicherlich auch aus Unwissenheit.

Sicherlich leben wir jetzt in einer anderen Zeit, Informationen sind leichter zugänglich, und die gesellschaftliche Einstellung gegenüber der LGBT+ Gemeinde hat sich in die richtige Richtung bewegt. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und wir alle können mithelfen, dass dieser Weg hin zur sozialen Gleichstellung ein wenig leichter wird. „Gesicht zeigen“ kann dabei helfen.

Sadik: Warum ist es Deiner Meinung nach wichtig, dass das Thema LGBT+ visibler wird und man Role Models in verschiedenen Branchen benötigt?

Matthias Gippert: Wir müssen Menschen, vor allem den heranwachsenden jungen Menschen, zeigen, dass sich die Türen zu bestimmten Berufen nicht deshalb schließen, weil man LGBT+ ist. Nicht jeder Schwule ist Frisör oder im Marketing unterwegs, nicht jede Lesbe fährt einen Truck oder arbeitet als Security Guard, um nur einige der vielen Schubladen zu benennen. Nein, wir sind überall. Und das ist auch gut so. Sexuelle Orientierung und Identität dürfen uns genauso wenig in unserer privaten und beruflichen Entwicklung beeinflussen wie unsere Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit. Und genau deshalb ist es wichtig, dass Mitglieder der LGBT+ Gemeinschaft in allen Branchen sichtbar sind. Eben auch wir Jurist:innen.

Sadik: Du hast ja selbst auch Erfahrungen als geouteter Mensch am Arbeitsplatz gesammelt. Welche und wie haben diese Dich persönlich beeinflusst?

Matthias Gippert: Hierzu möchte ich gerne mit zwei separaten Gedanken antworten: Ich erinnere mich noch heute an die Situation, in der ich das erste Mal im Büro als zugelassener Anwalt einem anderen Anwalt gesagt habe, dass ich schwul bin. Mein Puls war hoch, ich habe kurz den Atem angehalten um zu schauen, wie mein Gegenüber reagiert.

Die Reaktion war nach einem kurzen Zögern eigentlich relativ neutral; ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wer dieser Kollege war. Mit jedem weiteren Outing-Gespräch, das über die Jahre folgte, wurde mein eigener Puls immer niedriger, bis dahin, dass ich Kollegen und auch Mandanten gegenüber ungefragt von meinem Partner erzählte und es gar nicht merkte, dass ich mich meinem Gesprächspartner gegenüber damit wieder geoutet hatte. Die Reaktionen waren alle entweder positiv oder neutral, die Menschen in meinem beruflichen Umfeld nehmen es zur Kenntnis und fertig.

Dennoch kommt es manchmal immer noch zu komischen Situationen – was mich zu meinem zweiten Gedanken bringt: ab und zu merkt ein Kollege, und meistens sind es heterosexuelle Männer, dass er im Gespräch mit mir etwas sagt, was vielleicht als Witz über Schwule oder Lesben angesehen werden könnte, und dann fängt mein Gesprächspartner an zu rudern und sich rauszureden und zu winden, ohne dass ich etwas gesagt habe. Ich weiß, dass ich der einzige offen schwule Anwalt in den deutschen Büros der Kanzlei bin, und sicherlich kennen manche Kollegen keine weiteren schwulen Männer in ihrem Freundeskreis und sind es nicht gewohnt, mit Schwulen über LGBT+ Themen zu sprechen. Auch fehlt vielen Menschen immer noch die Übung und Sensibilität, mit Respekt über Mitglieder der LGBT+ Gemeinde zu sprechen, ohne abfällige Worte zu nutzen.

Dieser Lernprozess ist für viele schwierig. Jedes Gespräch hilft. Deshalb versuche ich, mir die Zeit zu nehmen und mit Kollegen zu sprechen, um ihnen Vorurteile zu nehmen, und auch die Angst davor, etwas Falsches zu sagen. Auch hier gibt es noch viel zu tun.

Sadik: Man hat manchmal das Gefühl, dass das Thema LGBT+ in Deutschland noch stark hinterher hinkt. Würdest Du dem zustimmen und kannst Du dir Gründe und vielleicht sogar Vorschläge zur Verbesserung dafür herleiten?

Matthias Gippert: Ich stimme dem zu, vor allem wenn man sich anschaut, wie in manch anderen Ländern mit diesem Thema im Arbeitsumfeld und in der Gesellschaft umgegangen wird.

Ich habe in der Mitte der 2000er Jahre zwei Jahre in New York City gelebt, und von 2014 -2016 knapp 3 Jahre in London. Sowohl in den USA als auch in UK, zwei westlichen Ländern, die man durchaus als „Same Peer“ mit Deutschland bezeichnen kann, wird das Thema Gleichstellung viel offener und aggressiver angegangen als ich Deutschland; dies beinhaltet auch die Gleichstellung von LGBT+.

Ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet, aber meine persönliche Erfahrung zeigt, dass beide Gesellschaften sehr viel diverser sind in Bezug auf ethnische Gruppen, was auch geschichtlich bedingt ist: das Vereinigte Königreich mit ihren Kolonien und dem Commonwealth, die USA mit dem Sklavenhandel am Anfang ihrer Geschichte, dann als Einwanderungsland. Beide Staaten mussten sich relativ früh mit der Geschichte und der Ungleichbehandlung verschiedener Menschengruppen auseinandersetzen. Dieser Prozess ist sicher noch nicht am Ende, doch zumindest gibt es dort Diskussionen und mehr wissenschaftliche Untersuchungen zum Umgang mit verschiedenen Minderheiten, und damit einhergehend die Erkenntnis, dass Minderheiten geschützt und besser integriert werden müssen, und zwar in allen Lebensbereichen.

Deutschland ist hier noch nicht so weit: selbst in einem Umfeld, in dem nicht aktiv diskriminiert wird, fehlt es ganz oft aber schon an der Erkenntnis, dass wir alle – und da nehme ich mich nicht aus – noch zu oft in vorgefertigten Schubladen denken (Stichwort „unconscious bias“). Was fehlt ist die offene Diskussion. LGBT+ muss Thema sein, in jedem Unternehmen.

Teilweise existieren sogenannte Regenbogen-Netzwerke in Unternehmen ja bereits, aber ganz oft werden diese nicht wahrgenommen oder können keinen oder nur bedingt Einfluss auf die Unternehmenskultur nehmen.

Aktionen wie „Gesicht zeigen“ können helfen, die Unterhaltung hierüber anzuregen. Nur wer sich der Unterhaltung annimmt, kann andere Menschen für diese Themen sensibilisieren.

Sadik: Und nun wären wir auch schon bei meiner letzten Frage. Was würdest Du allen Menschen gern mit auf den Weg geben, die Angst vor einem Outing am Arbeitsplatz haben?

Matthias Gippert: Traut euch!

Es gibt sicherlich kein one-size-fits-all Script für ein Coming Out Gespräch am Arbeitsplatz, es kommt auf jeden einzelnen an, und auf die Kollegen.

Mir persönlich hat jedes Coming Out Gespräch geholfen, es war wie eine Erleichterung und hat den Umgang mit den Kollegen im Nachgang offener und befreiter gemacht, vor allem auch weil manche Kollegen mich dann doch sehr positiv überrascht haben.

Traut euch, es ist eine Unterhaltung, die sich lohnt geführt zu werden.