Bosniens erste Pride Parade unter dem Motto „Ima izać“

Das Motto der Pride könnte nicht treffender sein. Übersetzt bedeutet es sowas wie: Man kann rauskommen oder: Es gibt einen Weg nach draußen.

Am Sonntag demonstrierten über 2000 Menschen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo für die Rechte der LGBT+ Community und somit bildet Bosnien das Schlusslicht des Balkans – 50 Jahre nach den ersten Aufständen in New York.

Bei dem 1,5 Kilometer langen Zug zum Parlamentsgebäude waren LGBT+ Gruppen aus der Region, Unterstützer*innen aus der Stadt und auch einige ausländische Politiker*innen wie der offen Homosexuelle US- Botschafter Eric Nelson, als Teilnehmer*innen dabei.

Die Abschlusskundgebung fand vor dem Parlamentsgebäude statt. Aus dem Organisationsteam begrüßte Lejla Huremović die Menge mit dem Ruf „Ponos, ponos, ponos!“ (Stolz). Ab jetzt werde mutig für ein Leben ohne Angst und Gewalt gekämpft. Lange genug hätten sich queere Menschen versteckt. „Wir sind so unsichtbar, dass uns sogar unsere Familien ignorieren“, sagte Lejla. Der große Hass und die Ignoranz in der Gesellschaft würden diese Parade zu einer Notwendigkeit machen, sagte sie.

Den Abschluss bildete der bosnische Sänger Damir Imamović, der das traditionelle Lied „Snijeg pade na behar na voće“, welches die Zeile „Alle sollen küssen, wen sie wollen“ enthält, sang.

Ein massives Polizeiaufgebot schützte die Teilnehmer*innen an der Parade. Am Tag vor dem Umzug fand eine Gegendemonstration für die „traditionelle Familie“ statt und am Morgen der Demonstration hatte eine Gruppe zu einer Anti-LGBT-Versammlung eingeladen.

Es gibt im Land noch sehr starke Diskriminierung und Gewalttaten gegen die queere Gesellschaft.

Rechtliche Lage in Bosnien

Seit 1996 sind in Bosnien und Herzegowina homosexuelle Handlungen im Gebiet der Föderation Bosnien und Herzegowina und seit 1998 im Gebiet Republika Srpska legalisiert. 2003 wurde ein Antidiskriminierungsgesetz zum Schutz der sexuellen Orientierung verabschiedet. Bisher gibt es weder die staatliche Anerkennung in Form der gleichgeschlechtlichen Ehe, noch die der Eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Die Polizei geht Diskriminierungen und Gewalttaten gegen die LGBT+ Community nicht gründlich nach. 2014 haben Personen Organisator*innen des LGBT+ Filmfestivals Merlinka angegriffen und wurden dafür nicht rechtlich belangt. 2016 hat eine Gruppe junger Männer Gäste eines Cafés und Kinos in Sarajevo, welche als beliebte Treffpunkte der LGBT+ Community gelten, tätlich angegriffen und dies blieb ohne strafrechtliche Konsequenzen. Und auch im Mai 2017 konnte eine geplante öffentliche Versammlung am Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie nicht stattfinden. Grund dafür: Das Verkehrsministerium des Kantons Sarajevo erteilte die Genehmigung nicht rechtzeitig, obwohl im Vorfeld ein entsprechender Antrag gestellt worden war.

All dies zeigt, dass das Land auch weiterhin stark für die Rechte der LGBT+ Community kämpfen muss, wozu die erste Pride schon einen guten Anstoß gegeben hat und um Leila Huremović noch einmal zu zitieren: „Ponos, ponos, ponos!“ (Stolz).

 

von Sadik Medar